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Uli Eberth
So besorgen die beiden sich heimlich Messer aus der Küche des Farmhauses und beginnen, sich von einem Nebenraum im Schuppen zu ihrem Freund Jim durchzugraben. Daß dieser kleine Nebenraum voll mit Gerätschaften, auch Spaten und Hacken ist, stört sie dabei nicht. Huck erzählt: ,, So gruben wir und gruben mit unseren Küchenmessern beinahe bis Mitternacht, und wir waren hundemüde und unsere Hände voller Blasen - und dabei konnte man kaum noch was sehen. Schließlich sag ich: ,,Das dauert nicht 37 Jahre, sondern mindestens 38, glaub ich, Tom!" Er sagte nix drauf, aber er seufzte, und bald hörte er auf zu graben. Da wußt ich, daß er nachdenkt. Nach einer Weile sagt er: ,,Es ist zwecklos, Huck, so geht's wirklich nicht! Ja, wenn wir Gefangene wären, dann wär's was anderes, dann hätten wir viele Jahre Zeit und hätten keine Eile und brauchten jeden Tag nur ein paar Minuten arbeiten, während der Ablösung von den Wachen, und dabei würden unsere Hände nicht so kaputt gehen und wir könnten's jahraus und jahrein aushalten, so wie es sich gehört. Aber wir können nicht rumtrödeln, wir haben keine Zeit zu verlieren! Doch, wenn wir nur noch eine Nacht in dem Tempo arbeiten, müssen wir erst eine Woche lang unsere Hände ausheilen lassen, ehe wir wieder ein Messer anrühren können." ,,Aber, was sollen wir tun, Tom?", sag ich. ,,Ich will Dir es sagen: Es ist nicht recht und ehrenhaft, und es geht mir ekelig gegen den Strich, aber es gibt nur einen einzigen Weg: Wir müssen es doch mit den Hacken machen und so tun, als wären es Küchenmesser!" -
Ich kramte unter dem alten Gerümpel herum und reichte ihm eine Spitzhacke. Er nahm sie, ohne ein Wort zu sagen und arbeitete gleich mit drauflos. So war er immer - ein Kerl mit nix als Grundsätzen!" Ich bin beim Herumblättern in Mark Twain's Buch auf diese Textstelle gestoßen und habe wieder einmal meine Bewunderung für Tom's und Huck's produktive Einbildungskraft gespürt, mit deren Hilfe sie ihren Sklavenfreund befreien.
Seit über 15 Jahren bin ich angestellt im Krankenhaus Quakenbrück, einem Allgemeinkrankenhaus mit der Aufgabe der Regionalversorgung. Ich bin Mitarbeiter in der Abteilung für Psychotherapeutische Medizin, Chefarzt ist Dr. Eckhard Schiffer. Wir behandeln Patienten mit Neurosen, Ängsten, Depressionen, auch mit Borderline-Syndrom, mit psychosomatischen Erkrankungen, Magersucht, Bulimie, also Eß-Brech-Sucht und Spielsucht. Wir behandeln gewalterleidende und gewaltausübende Menschen. In einem ersten Entwurf einer Stellenbeschreibung für mich heißt es, - daß die Abteilung zunehmend mit jugendlichen Patienten konfrontiert wird, ,,deren gegenwartstypische Sozialisation einen Mangel an sprachlicher Erreichbarkeit und sprachlicher Motivierbarkeit impliziert. Wenn Therapie auch ein sprachgebundener kreativer Prozeß ist, so fehlt eben diese Kreativität in der therapeutischen Begegnung mit diesen Patienten. Demzufolge müssen für (sie . . . )alternative - mehr handlungsorientierte - kreativitätsfördernde Erlebnismodalitäten realisiert werden. Diese Realisierung geschieht in einem pädagogischen Feld, das nicht primär auf sprachorientierte Introspektion angelegt ist, jedoch die Möglichkeit der Nacherziehung zur Verbalisationsfähigkeit impliziert". Ich war der Erste meiner Disziplin, der in dieser Klinik in die therapeutische Arbeit einbezogen wurde. Der Beginn meiner Tätigkeit erzeugte Bewegung. Aus den Krankenzimmern verschwanden Fernseher und Videorekorder, zum Jahresende auch der Fernseher im Tagesraum, der seitdem, schwarz-weiß, immer noch funktionierend, in einer Abstellkammer ein Schattendasein fristet. Er ist nur am Wochenende zugänglich, wird kaum genutzt. Im Team schafften wir als Ausgleich dafür Möglichkeiten, selbst aktiv zu sein, institutionalisierten den Nachtmarsch, erweiterten die vom Pflegeteam bereits initiierten Sport- und Spielabende. Dies leitete eine Entwicklung ein, in der wir jetzt (die) Musiktherapie haben, das vom Pflegeteam gestaltete pädagogische Rollenspiel, die wöchentliche Märchenrunde, seit neuestem unsere Ausdruckstherapie, Tanz- und Reittherapie. Schon vorher hatten die Mitarbeiter unserer Ergotherapie kreative Begegnungsmöglichkeiten als Teil unserer Gruppengesprächspsychotherapie geschaffen. Bevor ich über meine Arbeit erzähle, möchte ich Sie auf zwei Begriffe aufmerksam machen, Intermediärraum und Synästhesie, die sowohl für Tom und Huckleberry als auch für uns und unsere Patienten in der Aktionstherapie Bedeutung haben. Ich greife dabei im wesentlichen auf drei Quellen zurück. Von Donald W. Winnicott: Vom Spiel zur Kreativität, hier Kapitel VIII, sowie die beiden Arbeiten von Eckhard Schiffer: ,,Warum
Huckleberry Finn nicht süchtig wurde" und
Nach Donald Winnicott umfaßt der Intermediärraum zunächst den Lebensabschnitt zwischen Daumenlutschen und Liebe zum Teddybären, also die Zeit des Umgangs mit den Übergangsobjekten. Es ist die Zeit zwischen dem Aufbrechen der Symbiose und dem Erreichen der Objektkonstanz. Aus dem Spielbereich kleiner Kinder entwickeln sich Handlungsbereiche älterer Kinder und Erwachsener, gemeint sind Kulturerleben und kreatives Spiel, die zu jeder Zeit im Leben die Befreiung vom Druck äußerer Realität möglich machen. Dies bedeutet keinen Realitätsverlust, sondern ganz im Gegenteil beinhaltet es die Möglichkeit, gestalterisch auf die Realität einzugehen und einzuwirken.
Gemeint ist das Mitschwingen jeweils anderer Sinne beim Ansprechen eines einzelnen Sinnesorganes. Wir sprechen z.B. von einem Klangbild, obwohl wir zunächst nur Töne hören. Denken Sie an dunkle Töne, helle Töne, an stumpfen Geschmack! E. Schiffer erweitert den Begriff: Die Vergegenwärtigung z.B. früher gemachter Sinneseindrücke zeitgleich zur aktuellen Wahrnehmung bedeutet eine Bereicherung eben dieser Wahrnehmung. Das Kind, das die Schnitte mit Brombeermarmelade ißt, schmeckt die ganze Erinnerung vom Pflücken bis zum Herstellen des köstlichen Brotaufstriches mit, sofern es sie gemacht hat. Viele unserer Patienten leiden an einem Mangel an Erfahrungen bezüglich des Intermediärbereiches und der Fähigkeit zur Synästhesie. Aktionstherapie schafft einen Raum und damit eine Chance für Nachreifung. Ein
besonderes Highlight sind Ausflüge auf das Wasser Wir nehmen unseren Bus, den vormittags unsere Werkstatt nutzt, nachmittags steht er uns zur Verfügung, spannen den Hänger dahinter, holen die Einzelteile unseres Floßes aus einem uns zur Verfügung gestellten Keller, dann geht es los. Die Hase um Quakenbrück, ideales Floßrevier! Intermediärraum im doppelten Sinne:
Beispiel für eine Ruhemöglichkeit in der hektischen Leistungsgesellschaft, intensiviert durch eigenes Zusammenbauen, mit der Möglichkeit, zu spüren. Lassen Sie das Floß in der Strömung gleiten. Tauchen Sie das Paddel inīs Wasser, allein oder alle zusammen. Das Floß wird sich drehen, wird schaukeln, Sie müssen es steuern. Schauen Sie in die Sonne oder In die Wolken, erleben Sie die Landschaft völlig anders als vom Ufer aus.
Wo für Huckleberry Finn und Tom Sawyer der Graf von Monte Christo sich mit Messern freigrub, obwohl sie ihre Hacken nehmen, da sind für uns Krokodile und Piranhas, sind wir auf dem Weg nach Amerika. Ich zitiere aus einem Text von Rudolf Süsske, Mitarbeiter unserer Abteilung, unter dem Thema ,,Freiheit und Nötigung - dazwischen der Spielraum": "Das Körperhafte meines Leibes macht es mir erst möglich, mich -im wörtlichsten Sinne - zu verwirklichen. Pläne und Gedanken, meine Wünsche und Intentionen werden durch den tätigen, spielenden und sprechenden Leib ,,zur Welt gebracht": ver - wirklicht. Durch den empfindendbeweglichen Leib reicht mein Wille in die Welt der Dinge und ihrer Verhältnisse hinein, weil der Leib sich in seiner Körperhaftigkeit den Dingen anzuverwandeln vermag. Er ist des Ichs listiger Freund, der sich als Ding unter Dingen gibt. Er macht uns mit der Härte des Steines, der Farbe der Landschaft, der Würze des Weines, der ,Welt des Sichtbaren, Hörbaren, Tast- , Riech- und Schmeckbaren vertraut. Seine eigene Beweglichkeit erkundet den Gang der Dinge, ihre kausale Verknüpfung. Die Rundheit der Kugel vermag ich nur zu ,,begreifen" , weil SIE sich ursprünglich einmal in der Höhlung meiner Hand im Greifen - wiederfand. Die Widerständlgkeit der Härte des Steines und die Nachgiebigkeit des Tons erfahre ich nur, weil meine Hand selbst widerständig und nachgiebig ist. Im Spiel mit den Dingen erfährt das Kind sich selbst und in seinem Vermögen (tätig,) die Welt in ihrer Eigenschaftlichkeit und Widerständigkeit." Nach der Floßfahrt kehren ,wir in die Realität zurück, doch jeder nimmt diese Erfahrung mit. Wir besitzen übrigens auch ein Kanu einen Vierer-Kanadier, der auch Spaß macht, aber schnell Leistungsanforderungen weckt und einem zumindest teilweise selbst zusammengebauten Floß bezüglich des Lustgewinns bei weitem nicht das Wasser reichen kann. Sehr witzig sind allerdings Seeschlachten zwischen Kanu und Floß. Ergebnisse: Direkt beobachtbar ist eine Einwirkung auf das aktuelle Befinden der Patienten. Insgesamt wirken sich die Aktionsgruppen auf das Stationsklima aktivierend aus. Die Patienten z.B. bringen erst seitdem zunehmend eigene Fahrräder mit, seit wir mit. den Gruppen Fahrradtouren machen. Mit Wanderungen und Sport ist es ähnlich. Natürlich sind die Aktivitäten Teil der Behandlung und nur schwerlich isoliert zu betrachten. Trotzdem werden sie auch in Katamnesen als Moment zusätzlicher Aktivierung und Stabilisierung geschildert. Manchmal gibt es Langzeitrückmeldungen. So berichtete ein Kollege, der im Rahmen einer sogenannten Teestube , einer lockeren Anbindung ehemaliger Patienten an uns Einrichtung (aus ihr ist inzwischen eine Tagesstätte entstanden), einmal im Jahr eine Ferienfreizeit organisierte, von einer Patientin, die vor vielen Jahren bei uns war, auch in den Aktionsgruppen. Nach wie vor unter ihrer Depression leidend, konnte sie dennoch berichten, daß sie sich insbesondere in neuen oder ungewohnten Situationen an unsere kleinen Abenteuer erinnerte und ihr heute das Mut und Auftrieb gibt Ein anderes Beispiel: Ein Ausflug ins Moor bei Nebel und Schnee. Anhand des Sonnenstandes ist keine Orientierung möglich. Ich glaube, das Moor zu kennen, wir gehen querfeldein. Wir finden jedoch keinen Weg wieder, uns wird ganz mulmig. Auf einmal sehen wir Fußstapfen, sind erleichtert, stellen dann schon beinahe amüsiert fest, daß es sich um unsere eigenen Spuren handelt - wir sind im Kreis gegangen! Kommentar einer Patientin:" Ich dachte, wir gehen drauf! Gerade jetzt, wo Ich anfangen will, zu leben!" Ich schließe mit einem kurzen Text von Donald Winnicott: Ich beschäftige mich im folgenden mit der Frage nach dem Ort an dem wir leben. Dabei gebrauche Ich den Begriff ,,Ort" in abstraktem Sinn und meine den Bereich, in dem wir die meiste Zeit unseres Lebens verbringen. Schon unsere Sprache zeigt unsere natürliches Interesse an diesem Thema. Ich kann mich in einem Durcheinander befinden; dann ,werde Ich mich entweder herauswinden oder versuchen , die Dinge in Ordnung zu bringen, so daß Ich wenigstens vorübergehend weiß, wo Ich bin. Oder Ich kann mich ratlos fühlen oder wie man im Englischen dafür sagt, auf See' sein und werde dann alle Anstrengungen auf mich nehmen, um in einen Hafen (bei Sturm in irgendeinen Hafen) zu gelangen, und an Land werde ich mir ein Haus suchen, das auf Fels und nicht auf Sand gebaut ist; und in meinem Haus, das für mich als Engländer meine Festung ist, bin ich im siebenten Himmel. Ohne die Umgangssprache besonders zu strapazieren, kann ich mein Verhalten in der Welt der äußeren (oder erlebbaren) Realität beschreiben; ich kann aber auch eine innere oder mystische Erfahrung machen, wenn ich etwa auf dem Boden hocke und über meinen Bauchnabel nachdenke. Das Wort ,,Inneres bekommt wohl einen recht modernen Sinn, wenn man es für die Beschreibung der psychischen Realität oder für die Feststellung benutzt, daß es einen inneren Bereich gibt, in dem sich persönlicher Reichtum bildet (oder Armut zeigt) , sobald wir einen Fortschritt in unserer emotionalen Reife und in unserer Persönlichkeitsentwicklung machen. Es gibt also zwei Orte, den Ort innerhalb und den Ort außerhalb des Menschen. Aber ist das alles? Was geschieht zum Beispiel in uns, ,.wenn wir eine Symphonie von Beethoven hören, in eine Gemäldegalerie gehen, abends im Bett "Der Medicus" lesen oder Tennis spielen? Was geschieht in einem Kind, das auf dem Boden sitzt und im Schutz der Mutter mit seinem Spielzeug spielt? Was geschieht in Teenagern, die an einer Pop-Veranstaltung teilnehmen? Es geht hier nicht nur um die Frage, was geschieht in uns; wir müssen uns auch die Frage stellen: Wo - wenn überhaupt irgendwo - sind wir? Wir haben bereits die Konzepte der inneren und äußeren Welt erwähnt. Doch wir brauchen ein drittes Konzept. Wo sind wir, wenn wir tun, was wir
doch so oft in unserem Leben tun: |
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